Das Kriechen der Konzepte (Matthias Horx)

von

Wie unser Mind an der modernen Medienwelt verzweifelt.
Und wie wir aus dieser kognitiven Krise wieder herauskommen

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne

Siehe auch: www.zukunftsinstitut.de

Ich werde derzeit oft gefragt, was der eigentliche Grund dafür ist, dass die Welt immer verrückter wird. Gemeint ist ein Weltgefühl des Auseinanderfallens, der Irrationalität, des Wahns, des Durchdrehens. Eines Zerfalls von Wahrheiten und Wirklichkeiten, auf die wir uns einigen könnten – im Sinne einer besseren Zukunft.

Es gibt zwei mögliche Antworten auf diese Frage. Erstens: Es handelt sich um ein Luxusproblem von WEIRDs (Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic), von Bewohnern westlicher Kulturen mit emotionalen Sonderproblemen. Für den Rest der Menschheit sieht die Welt ziemlich normal aus. Drei Viertel aller Menschen auf diesem Planeten sorgen sich um die Familie, ihr soziales Fortkommen, vielleicht ihr spirituelles Dasein – und kommen damit ganz gut zurecht.

Siehe dazu das wunderbare Buch des Evolutions-Psychologen Joseph Henrich: The WEIRDest People in the World – How the west became psychologically peculiar and particularly prosperous. Macmillan USA, 2020.

Die zweite, ebenso berechtigte Antwort aber lautet: Irgendetwas geht schief, wenn unser humanes Hirn auf eine neue, völlig ungewohnte und »verrückte« Umwelt trifft. Auf die hochglobalisierte, reizbeschleunigte, hypervernetzte Medien-Gesellschaft unserer Tage.

Der menschliche Geist, unser MIND, ist von der Evolution in Millionen Jahren dazu geformt worden, auch kleine Veränderungen in unserer Umwelt wahrzunehmen. Es war hilfreich für unser Überleben, zu spüren, wenn sich das Wetter änderte. Wenn sich beim Nachbarstamm etwas zusammenbraute. Oder die Geister ungünstig standen.
Für unsere »Beweltigung« (absichtlich mit e) haben wir zwei parallele Wahrnehmungs-Systeme zur Verfügung. Der Psychologe Daniel Kahnemann hat diese beiden Modi in seinem gleichnamigen Weltbestseller als „Schnelles Denken, Langsames Denken“ beschrieben.

Das eine System reagiert spontan, instinktiv, emotional. Das andere langsam und analytisch. Wenn beide Systeme zusammenarbeiten, sind wir zukunftskompetent. Wir können Gefahren abschätzen und einordnen. Wir stehen in Kontakt mit der Welt. Und dabei können wir unsere eigenen Gefühle und Wahrnehmungen moderieren, weil wir uns beim Beobachten selbst beobachten können.

In der Hyper-Medien-Gesellschaft werden wir jedoch rund und um die Uhr mit Informationen, Reizen, Gerüchten, Vermutungen, Befürchtungen, Übertreibungen bombardiert. Wir sind von einer Hysterosphäre umgeben, in der sich nichts mehr richtig überprüfen und »realisieren« lässt.
So wird aus FAKE NEWS irgendwann FAKE REALITY.
Die Herrschaft des Wahns.

„Wenn zwei Erkenntnisse in einem Individuum miteinander in Widerstreit liegen, dann hat das einen Zustand innerer Spannung zur Folge, die das Individuum zu reduzieren versucht, indem es einen der beiden konfligierenden inneren Zustände verändert.“
Douglas R. Hofstadter, Emmanuel Sander, „Die Analogie – Das Herz des Denkens“

Die Verhaltenspsychologie hat in den letzten zwanzig Jahren die BIASES erforscht – die menschlichen Wahrnehmungs-Verzerrungen. Am bekanntesten ist die „Confirmation Bias”: Wenn wir uns einmal auf ein bestimmtes Konstrukt von Wirklichkeit festgelegt haben, suchen wir nur noch nach Bestätigungen – und filtern alles andere aus.

Es gibt inzwischen eine eigene BIAS-Landkarte im Internet – der Cognitive Bias Codex , ein echtes Kunstwerk. Sie ähnelt ein bisschen unserer Megatrend-Map, nur dass hier der menschliche MIND in seinen Irrtumsmöglichkeiten kartographiert wird.

Auf dieser Karte sind menschlichen Missverständnisse in vier Sektoren aufgeteilt:

  • Zu VIEL Information
  • Nicht genug Sinn
  • Wir müssen (zu) schnell handeln
  • Woran wir uns (besser) erinnern sollten.

Ich möchte mich im Folgenden auf ein einziges Phänomen konzentrieren, das in allen vier Sektoren Bedeutung hat: CONCEPT-CREEP , erforscht vom Psychologen Nick Haslam, bietet eine gute Erklärung für das, was ich die »Kognitive Krise« nennen möchte: Unsere wachsende Unfähigkeit, eine gemeinsame Realität zu bewohnen, die wir als bessere Zukunft gestalten können.
www.theatlantic.com/politics

Die Rotverschiebung

Machen wir zu Beginn ein Experiment.
Verteilen wir an zehn zufällig ausgewählte Menschen Kärtchen mit ROTEN und BLAUEN Punkten. Die ROTEN, so erklären wir, sind »die Bösen«. Die BLAUEN sind »die Guten«. Die Probanden sollen in Listen schreiben, wie viele Gute und Böse es auf den Karten gibt.

Wir wiederholen die Kartenausgabe. Zehnmal. Zwanzigmal. Es wird langweilig. Dann schmuggeln wir unklare Farbtöne in die Karten. Mit violettstichigen, blassblauen, blauroten Punkten. Nach einer Weile zeigt sich in allen Gruppen eine Zunahme der »Bösen«. Obwohl die Farbtönungen rein zufällig sind.
Das Phänomen nennt sich auch “Perceptual and Judgement Creep”: science.sciencemag.org

Man kann diese Übung auch mit freundlichen und bedrohlichen Gesichtern machen. Wenn die Anzahl der bedrohlichen Gesichter reduziert wird, werden immer mehr neutrale oder ganz normale Gesichter als bedrohlich bewertet.
Das ist CONCEPT CREEP – das Normale wird unnormal. Das Vertraute kriecht ins Unheimliche.

Woran liegt das? In ihrem Buch „The Power of Bad – How the negativity effect rules us and how we can rule it” dechiffrieren zwei Kognitions­psychologen, John Thierney und Roy F. Baumeister, den Negativitäts-Effekt, der uns die Welt ständig schlechter macht.

„Um zu überleben muss das Leben jeden Tag gewinnen. Der Tod hingegen muss nur einmal gewinnen. Ein winziger Fehler, eine Fehlkalkulation, kann alle unsere Erfolge auslöschen. In der Savanne, wo unsere Ur-Vorfahren lebten, waren diejenigen im Überlebensvorteil, die mehr Sorgfalt darauf verwandten, giftige Beeren zu identifizieren, als die leckeren zu genießen.”
John Thierney, Roy F. Baumeister

Darf ich Ihnen jetzt eine simple Frage stellen?

Wie viele Morde gab es in Deutschland (81,5 Millionen Einwohner) im Jahr 2019 ???
Schätzen Sie einmal!
Die Antwort lautet:
245
245!
Die Daten des BKA/Statista beziehen sich auf Verurteilungen aufgrund von Mord, im Unterschied zu Totschlag im Affekt oder anderen Tötungsdelikt-Formen. Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist gering, allerdings gilt für die Definition von Mord immer die Definition des Vorsatzes und der Heimtücke – wie in den meisten Krimis.
(siehe Grafik ganz unten)

Wie viele Krimis/Serien/grauenhafte Szenen haben Sie allein in den letzten 4 Wochen gesehen? 60 Prozent aller Filmproduktionen sind heute Krimis. Allein der TATORT bietet ein fein sortiertes Sortiment an Grauen und Tod, mit immer schrilleren Stories, immer extremeren Konstruktionen von Grausamkeit, Mord und Totschlag.

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, in der tatsächlich rund um die Uhr so gemordet wird wie auf den Bildschirmen? Was MACHT das mit uns? Und warum werden wir so süchtig danach?

Die sieben Dimensionen des Concept Creep

Creep 1: Vermischung

Können Sie sich noch erinnern, als Werbung einfach WERBUNG war?
HB – Gut gelaunt genießen.
Eine der legendären Zigarettenreklamen der 60er Jahre. Das HB-Männchen explodierte immer, wenn es an den Widerständen der Welt verzweifelte. „Halt mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen?” Wir Kinder konnten dabei über unsere Väter lachen, die allesamt rauchten. Werbung konnte unterhaltsam sein, ein bisschen verrückt und schließlich in den 90ern sogar Kunst. Man wusste immer, woran man war: Jemand will uns etwas verkaufen.

Heute heißt Werbung »Marketing« und beinhaltet »Kommunikation«. »Infotainment«. »Content«. Werbung soll »penetrieren« und »change ability« haben, am besten »viral gehen« (in Corona-Zeiten eine ungünstige Formulierung). Bitkom, der Digitalverband Deutschlands, fand in einer Studie im Jahr 2018 heraus, dass jeder zweite Nutzer von Sozialen Medien keinen Unterschied mehr zwischen Werbung und Information erkennen konnte.
Siehe: Wolf Lotter, „Was Sache ist“, Brand Eins 2/2021

Humane Kommunikation ist darauf angewiesen, dass eine grundlegende Klarheit der Intentionen herrscht. Wenn man nicht weiß, was das Gegenüber „im Schilde führt”, entsteht eine irritierende Leerstelle. Dann wuchert das Misstrauen, die Falschheit, der fake ̶̶ die Beziehungen beginnen zu kriechen.

Creep 2: Aufwärts-Erweiterung

Nach Nicholas Haslam können Konzepte in vertikaler wie in horizontaler Richtung kriechen. In der vertikalen Variante wird ein kleineres Phänomen einem mächtigen „untergeschoben“. In meiner Jugend war es schon einmal in Mode, alles »Faschismus« und jeden »Nazi« zu nennen, der einem nicht passte (heute plädiere ich dafür, nur Nazis auch Nazis zu nennen, dann allerdings deutlich). Ähnliche Operationen der Überstülpung sind heute im Gang, wenn von der »Corona-Diktatur« geredet wird. Oder man sich als »Volk« deklariert, obwohl man nur eine kleine Gruppe Schlechtgelaunter ist.

Das Creeping-Prinzip funktioniert hier auf der Ebene der bösartigen Übertreibung, die das Gegenüber vor allem verunsichern soll. Das funktioniert meistens ziemlich gut. Denn die meisten Menschen werden fassungslos, wenn sie mit bösartiger Kommunikation konfrontiert werden. Als genuin soziale Wesen können wir uns gar nicht vorstellen, dass jemand nur Kontakt mit uns aufnimmt, um uns zu beleidigen. Das wissen die Trumps und AFDler dieser Welt genau; sie nutzen diesen Effekt ganz bewusst, um uns in Schockstarre zu versetzen.

Creep 3: Horizontale Steigerung

Bei der horizontalen Creep-Variante bläht man einen Bedeutungsrahmen auf, der früher eng begrenzt war. Früher waren Süchtige Heroin-Drogenabhängige. Heute kann man spielsüchtig sein, sexsüchtig, esssüchtig, spaziersüchtig, emotionssüchtig, vergnügungssüchtig, netflixsüchtig, brotbacksüchtig…

Besonders im Bereich von Krankheiten ist die kriechende Ausweitung von Diagnosen verbreitet: Hippelige Kinder leiden immer unter AHDS. Wer traurig ist oder lange trauert, hat eine Depression. Wer nicht mit etwas zurechtkommt, dem ist garantiert ein Trauma passiert.

Zu dieser Entgrenzungs-Variante des Concept-Creep gehört auch das Kriechen moralischer Vorwürfe im Sinne der »Political Correctness«. Dabei wird ein früher »normales« Verhalten moralisch gebrandmarkt.

Gut so, könnte man meinen: Hier scheint sich die Gesellschaft in Richtung auf mehr Sensibilität zu verändern. Allerdings entsteht gleichzeitig ein kriechender Effekt in die Gegenrichtung.

Sobald aus kulturellen Differenzen ANSPRÜCHE werden – auf besondere Privilegien, oder Beachtungen – kriecht die Toleranz in Richtung eines Kulturkampfes. Es entsteht dann eine Grobe Moralisierung, die sich an Kränkungen und Beleidigungen eskaliert. Toleranz erfordert, so paradox das klingt, gewisse Gleich-Gültigkeiten. In einer freiheitlichen Kultur muss mir in gewisser Weise egal sein, ob jemand schwul, bi, trans oder ein Faun ist. Komplexe Gesellschaft kann nur funktionieren, indem sie FORMALE Gleichheiten von REALEN Ungleichheiten trennt. Alle haben die gleichen Rechte, unabhängig von ihrem Lebensstil, ihren Eigenschaften, ihren Denkweisen.

Dafür braucht man eine bestimmte Diskretion. Eine Gelassenheit, Unterschiede, auch unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten. Und nicht gleich in die Luft zu gehen wie das HB-Männchen.

Creep 4: Entnormalisierung

Früher war es heiß oder kalt oder regnerisch, und immer auch mal »verregnet«. Jetzt aber kriecht das Wetter aus seinem Wettersein heraus:
– New York: Fast ein Meter Schnee bei Blizzard!
– Extremwetter: Mörderische Sturmfront rast auf Europa zu!
– 40 Liter Regen in einer Stunde: Beginnt bereits die Klimakatastrophe?

Hier ein Zitat aus der Wiener Zeitung „Die Presse“:
„Die Hitze fehlt: Ein Sommer fast wie damals… Ein paar warme Tage, dann wieder Regen – und so gut wie keine echten Hitzetage: Der heurige Sommer hat bisher die Erwartungen und Befürchtungen so gar nicht erfüllt. Vielmehr zeigt sich das Wetter so, wie wir es von früher kennen – als Tage mit 30 Grad die Ausnahme und nicht die Regel waren.”

Hier wird Normalität auf verdrehte Weise als abnormal deklariert. Umgekehrt gab es Starkregen, Wirbelstürme, heftige Schneefälle und Sturmfluten immer schon, auch in katastrophaler Dimension (Die „Große Mandränke“ zerstörte 1362 ganz Schleswig-Holstein und erzeugte dort die heutige Inselwelt). Wenn JEDES Wetter aus der Zone der Normalität herauskriecht, entsteht eine Welt des permanenten Ausnahmezustands, in der wir heimatlos herumirren. Wie all die Gestalten in den zahlreichen Untergangsserien von Netflix, in denen unentwegt Katastrophe ist.

Creep 5: Ungleichheits-Creep

Jede Gesellschaft erzeugt immerzu Ungleichheiten. Das liegt im Wesen komplexer sozialer Prozesse. Je mehr Gerechtigkeitssinn herrscht, desto skandalöser werden diese Ungleichheiten. Hier stoßen wir auf das Paradox der »ungleichen Ungleichheit«: Während in echten Klassen- Gesellschaften Differenzen einfach hingenommen werden, sind in durchlässigen Kulturen, immerzu Gruppen, Individuen, Teile der Gesellschaft in Bezug auf irgendeinen Parameter, irgendeinen Vergleichsmaßstab, benachteiligt.

Irgendwann entwickelt sich eine soziale Ungerechtigkeits-Hysterie: »Social Creep« ist der permanente Verdacht, übers Ohr gehauen zu werden, während alle anderen Privilegien genießen. Oder in einer total ungerechten Gesellschaft zu leben, die sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen zu unterdrücken, auszubeuten, systematisch zum Opfer zu machen.

Auch hier gilt das Gesetz des akkumulativen Kipp-Punkts: Irgendwann kippen Trends in ihr Gegenteil um. Wenn die Gesellschaft schon so schreiend ungerecht ist – warum dann nicht gleich den starken, reichen Mann wählen? Wenn schon alles »korrupt« ist, dann nehmen wir lieber gleich den Korruptesten! Der hat es wenigstens geschafft! Vielleicht kriegen wir noch etwas davon ab!
Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

„Alles was geschieht, was an irgendeinem Ort der Welt erreicht, bewegt, verstört, ängstigt, vermag auch uns zu erreichen und zu verstören. Es ist eine Zeit der Empörungskybernetik, in der miteinander verschlungene, sich wechselseitig befeuernde Impulse einen Zustand der Dauerirritation erzeugen.“
Bernhard Pörksen, Die Große Gereiztheit

Creep 6: Anspruchs-Creep

Stellen Sie sich vor, eine Gesellschaft würde immer wohlhabender. Alle fahren mit dem Fahrstuhl nach oben. Auch die Ärmeren verfügten über immer mehr Güter. Jeder wäre ein mächtiger Konsument. Man könnte ein Kleid, das einem nicht gefällt, einfach zurückschicken. Man könnte Firmen verklagen, sich jederzeit bei einem Schiedsgericht über den Nachbarn beschweren, alle möglichen Prozesse führen, Politiker beschimpfen so viel man will. Politiker liefern ja NIE das, was man bestellt hat…

Dieser Creep-Effekt nennt sich die »Restübelthese« oder die „Penetranz der negativen Reste” (eine Wortschöpfung des Philosophen Odo Marquard): In einer Gesellschaft der steigenden Prosperität werden die verbleibenden Übel umso skandalöser. Es entsteht eine Enttäuschungsgesellschaft, die unentwegt an sich selbst zweifelt und ständig Perfektion einfordert. Eine solche Anspruchskultur wird sozial ungemütlich. Schon bei der geringsten Irritation mit dem Nachbarn folgen Shitstorm, Anwalt und Anzeige. Dieses Windkraftwerk kommt mir nicht in meine Sichtweite! Dieser Baum darf nicht gefällt werden (oder muss verschwinden)! Dieser Kanaldeckel stört mein ästhetisches Empfinden!
Es geht nicht mehr um Lösungen, sondern um Beklagungen. Und irgendwann verwechselt man seine eigenen Ansprüche mit der Wirklichkeit.

„Früher war alles besser, weil man wusste, wie schlecht alles war. Heute ist alles schlechter, weil man glaubt, dass unbedingt alles gut sein muss.“
Lisa Eckhart

Creep 7: Emotionale Polarisierung

Vor gut zehn Jahren begann in den Massenmedien ein Trend, der dem Populismus den rhetorischen Boden bereitete. Es war die Zeit, in der das Internet an Fahrt aufnahm und immer mehr mediale Kanäle um die rare Ressource menschlicher Aufmerksamkeit zu kämpfen begannen.
Vor dem Turbo-Medienboom waren Medien noch zu einem großen Teil MEDIEN im Sinne von mediare = vermitteln. Sie integrierten Milieus oder moderierten Interessen. Um 2010 änderte sich jedoch plötzlich die Tonlage. Es ging jetzt in den politischen Talkshows vor allem um die Erzeugung von »Sagern«, die man auf Twitter unendlich skandalisieren konnte.

Meilensteine dieses Skandal-Creeping waren die »mediale Entlassung« des Bundespräsidenten Christian Wulff 2012. Und das Griechenland-Bashing in den Jahren danach. Immer mehr Titel der Talkshows wurden jetzt in einem Duktus der polemischen Empörung und Vor-Urteilung formuliert:

  • Hellas pleite: Rettet der deutsche Steuerzahler faule Griechen?
  • Das neue Bankengesetz: Betrug oder Kapitalverbrechen?
  • Frauen in der Arbeit: Ausgebeutet oder ausgepresst?
  • Politik am Ende: Kann sich die Koalition noch retten?

Es waren nun die extremsten Positionen, die in den Talkshows regelrecht aufeinandergehetzt wurden. Man lud bevorzugt Demagogen ein, die möglichst schrille Thesen vertraten. Es war die große Stunde der Verschiebung rationaler Diskurse in ideologisches Gebrüll. Und es war die Zeit des triumphalen Aufstiegs der AFD und des Wahlsiegs von Trump.

Mögen Sie noch ein kleines Ratespiel? Einige von Ihnen kennen sicher die Zeitung COMPACT, ein Kampfblatt der Neuen Rechten. Meine Frage lautet:
Welche der folgenden Titel waren Titel der rechtsradikalen Zeitung Compact? Und welche waren Titel einer deutschen Talkshow in den Jahren um 2015?

  1. Freiwild Frau: Das böse Ende der Willkommenskultur!
  2. Mächtig ohnmächtig: Wie geschwächt ist Angela Merkel?
  3. Kampfzone Klassenzimmer: Sind unsere Kinder noch zu retten?
  4. Kalifat BRD: feindliche Übernahme durch BRD und CO?
  5. Chaos beim Asyl: Warum hat der Staat versagt?
  6. Kampf ums Abendland: Sind wir noch zu retten?

Auflösung am Ende des Artikels

Der Checker und der Trickster

Um die Creep-Effekte zu verstehen, lohnt es sich, sich tiefer mit der Rolle der Angst zu beschäftigen. Der ganzheitliche Psychologe Daniel Siegel nennt die evolutionäre Instanz, die in unserer Psyche nach Angstpotentialen sucht, den CHECKER.

„Der Checker ist der neuronale Inbegriff der Vorhersage. Es gibt nichts, das im Umgang mit Gefahren dem System des Checkers gleicht. Der Checker erfindet eine dreiteilige Strategie, die ich SAM nenne (Scannen, Alarmieren, Motivieren). Erstens scannt der Checker die Situation nach Gefahren ab, und ist stets vor allem auf der Hut, was uns verletzen könnte. Danach alarmiert uns der Checker jedes Mal und löst Angst aus, wenn etwas Bedrohliches einzutreten scheint. Und schließlich motiviert uns der Checker, etwas zu tun, um der Gefahr zu begegnen.”
Daniel J. Siegel, „Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation“, S. 362

In der hypermedialen Erregungs- und Aufmerksamkeits-Ökonomie neigt der »Checker« jedoch zu ständiger Überaktivität. Profan gesagt: Viele Menschen können sich überhaupt nicht mehr beruhigen, weil sie unentwegt mit Ängsten gefüttert werden. Noch einmal Siegel:
„Der überaktive CHECKER geht nach der Strategie vor, die beste Verteidigung sei die, auf das Schlimmste gefasst zu sein, dann werde man nie überrascht. Das kann zwanghafte Gedankengänge und Verhaltensweisen hervorrufen, die für Zwangsneurosen typisch sind. Stellen Sie sich vor, sie hätten ein Zwangsritual durchgeführt. Wenn dann nichts Schlimmes passiert ist – kein Erbeben, keine Feuersbrunst, und kein Angriff von einem Hai, ist Ihr Hirn davon überzeugt, dass Sie WEGEN Ihres Zwangsverhaltens überlebt haben. Der Checker hat Sie erfolgreich geschützt, also wird seine Strategie verstärkt.“

Sie sind auf die Straße gegangen und haben gegen die »Corona-Lüge« demonstriert. Nichts ist passiert. Also erhöhen Sie die Dosis.
Der Gegenspieler zum CHECKER ist der TRICKSTER. Die Filmgeschichte hat ihm Denkmäler gesetzt: der Joker bei Batman. In ironischer Weise: James Bond. In der gütigen Form: Anthony Quinn in Alexis Sorbas. Der Trickster handelt mit Konstrukten und Illusionen, die unsere Angst dämpfen sollen. Mit Narrationen, die uns selbst besonders schlau und mächtig erscheinen lassen.

Concept-Creep ist das Ergebnis eines Hochschaukelns zwischen überaktiven Checker- und Trickster-Instanzen. Den anschwellenden Ängsten müssen immer neue Illusionen entgegengesetzt werden. Immer monströsere Konstrukte, immer absurderer Größenwahn. Irgendwann landet man bei QAnon. Paranoia-Systeme züchten sich in diesem Echosystem selber.

Vor uns die Re-Tribalisierung?

Sind wir aufgrund des Creep-Effekts dazu verurteilt, immer wieder den Zusammenbruch komplexer Zivilisationen zu erleben – weil früher oder später der Rückfall in tribale Strukturen, in Polarisierung, Hass, Hysterisierung und Bürgerkrieg einsetzt?

Vor Kurzem erschien die Serie TRIBES OF EUROPA auf Netflix. Eine perfekt gefilmte Science-Fiction-Serie über den Zerfall der Gesellschaft in Stammes-Strukturen.
In diesem dystopischen Szenario (es spielt 2074) haben sich die Creeping-Kräfte endgültig durchgesetzt. In einem zertrümmerten Europa kämpfen verschiedene Stammeskulturen gegeneinander um Dominanz und Ressourcen. Berlin ist eine endgültig kaputte Stadt, in der ein faschistisch-heroistischer Krieger-Stamm aus den Ruinen des ehemaligen Berghain heraus regiert, oder besser: terrorisiert. In Mecklenburg-Vorpommern wohnen Hippie-Stämme in Baumhäusern. Dazwischen versuchen Reste des Euro-Corps, eine Grundordnung zu installieren. Alles definiert sich über die Stammeszugehörigkeit. Die »Identität«. Der alte Stammes-Impuls des Menschen siegt über die komplexe Zivilisation.

Wie plausibel ist ein solches Szenario? Kündigt es sich nicht längst schon an? Viele glauben das, und nicht nur die PREPPERS, die im Keller Konservendosen und Waffen für den Tag X horten, oder die besonders durchgeknallten Fans von Donald Trump.

Wir unterschätzen allerdings die Resilienz, die gerade in komplexen Kulturen steckt. Die Gesellschaft ist eine ständige Baustelle. Aber sie hat, wie alle lebendigen Systeme, auch die Fähigkeit zur Selbst-Organisation, zur Zukunfts-Heilung.

Der mögliche Mindshift

Wenn es stimmt, dass die die KOGNITIVE KRISE hauptsächlich durch die ungeheure Aufblähung des medialen Systems verursacht ist, wäre eine Bewusstseinsveränderung nötig, in der wir unsere attentional systems – unsere Aufmerksamkeits-Systeme – neu ausrichten und beherrschen lernen.

Ist so etwas überhaupt möglich? Es ist sogar wahrscheinlich. Und es ist längst im Gang.
Es ist kein Zufall, dass fernöstliche Bewusstseins-Techniken in den letzten Jahren tief in die Mehrheitsgesellschaft eingesickert sind. Meditation ist heute weit verbreitet. Die Achtsamkeitsbewegung versucht, die verschiedenen CREEPS mit einer höheren Klarheit des Geistes zu beantworten. Gleichzeitig bildet sich inmitten der Gesellschaft eine neue Kooperations-Kultur. Diese Bewegung reicht inzwischen bis ins hohe Management hinein. Sie umfasst nicht nur »urbane Eliten«, sondern auch provinzielle Humanisten. Sie speist sich aus den Milieus der heute altgewordenen 68er ebenso wie aus der neuen zornigen Jugend. Sie umfasst Teile der Kirchen und verläuft inzwischen, mit Ausnahme der AFD, durch ALLE Parteien, bis tief ins Konservative.
Ich nenne es das Konstruktive Zukunfts-Milieu.

Die Corona-Krise hat uns drastisch vor Augen geführt, wie existentiell konstruktive Kommunikation – Committed Communication – für unser Leben ist.
Was bringt uns zusammen?
Wie kooperieren wir besser?
Wie moderieren wir unser Verhältnis zur Natur?
Abstand vom Kriechen gewinnen.
Resistenz gegen die Bösartigkeit.
Moderation des Medialen.
Mut zur Güte.

Wie sagte der philosophische Psychiater Viktor Frankl so schön?
„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum.
In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen.
In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Anhang: Ein neues Ethos der (Netz-)Kommunikation

In den Pioniertagen des Netzes gab es die „Netiquette“, das war gut gemeint, aber leider hilflos. Es ist jetzt Zeit für einen neuen Codex:

  1. Meinungskriege meiden
    Wer die Kommentare unter Artikeln im Internet liest, weiß, dass es weniger um Inhalte geht als um Selbstdarstellungen, Dampfablassen oder einfach (männliche) Besserwisserei. Meinungskriege sind in ihrem Wesen narzisstisch, man sollte sie völlig meiden. Die wirklich interessanten Fragen sind zu komplex für verbale Streitereien. Sie erfordern neue Fragen, keine alten Antworten.
  2. Neue Diskretion
    Es ist (außer für Deinen engsten Kreis) nicht besonders interessant, mit wem Du gerade auf welchem Hügel die Sterne bewunderst oder ob Du gestern wieder besoffen warst. Private Dinge gehören nicht in die Öffentlichkeit, vor allem wenn sie von Entgrenzungen handeln.
  3. »Oversharing« vermeiden
    Das Netz ist eine Maschine für Anerkennungen. Aber mit jedem sharing erhöht sich auch die Inflationsgefahr – alles wird immer unwichtiger, beliebiger. Teile nur das, was wertvoll ist IN BEZIEHUNG zu bestimmten Menschen.
  4. Tonfall kontrollieren
    Argumentiere und formuliere im Netz nur so, wie die auch in einer psychischen Konversation von Angesicht zu Angesicht sprechen/schreiben würdest. Wenn nicht, wundere Dich nicht, wenn du überall gemieden wirst.
  5. Frage zurück
    Tritt nur mit Menschen über das Netz in Verbindung, die Du vorher gefragt hast und die ein ehrliches Interesse bekunden. »Likes« sind im Grunde respektlos.
  6. Follow the Law
    Es wird in den nächsten Jahren endlich wirksame Gesetze gegen Hass, Verbalgewalt und Hetze im Netz geben. Das Anonyme-Gewalt-Privileg ist vorbei. Man möchte ja auch im öffentlichen Raum weder bespuckt noch angeschrien noch geschlagen werden. Oder Schlimmeres. Also hüte Dich. Wir werden, wenn Du verbale Gewalt im Netz ausübst, Deine IP-Adresse an die Polizei weiterleiten.

Auflösung des Titel-Quiz:

1 Compact
2 Anne Will
3 Maischberger
4 Compact
5 Maybrit Illner
6 Compact

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