Das Trotzdem-Prinzip (Matthias Horx)

von Matthias Horx

Ich treffe derzeit vermehrt Menschen, die sich in eine düstere Wolke aus Zynismus, Pessimismus und Menschenverachtung hüllen.Sie haben die Veränderung, den Wandel zum Besseren, aufgegeben. Sie vertreten eine Ideologie der „Schwarzen Anthropologie”: „Die Menschen” sind „zu blöd zum Überleben”, „wir” werden den Planeten zerstören, weil „wir” mit unserer Lebensweise alles kaputt machen.

Dieser Text stammt aus der Zukunfts-Kolumne von Matthias Horx:
www.horx.com/die-zukunfts-kolumne

Siehe auch: https://thefutureproject.de/

Eine solche Lebenshaltung kippt allerdings leicht ins Reaktionäre/Regressive; in eine generelle Menschen­feindlichkeit. Sie hat etwas Selbstgerechtes. Und sie ist blauäugig. Die Untergangs-Zyniker glauben alles Negative, was in den medialen Diskursen endlos wiederholt, im Netz unendlich kopiert und nachgebetet wird. Das hat aber mit der „wirklichen Wirklichkeit” wenig zu tun.

Eine der am meisten verbreiteten bad future rumors, also Negativ-Gerüchte über die Zukunft, ist die Annahme, dass die Klimakatastrophe „verloren” ist. Der Kampf für die Dekarbonisierung ist aussichtslos geworden. Die Rechten, die Trumps und Lindners und anderen Bösewichte dieser Welt, haben längst die Zeiger auf Untergang gestellt, die Zerstörung der Welt ist nicht mehr aufzuhalten…

Wirklich?
In den letzten Wochen haben Nachrichten sanft an der Wahrnehmungspforte angeklopft, die etwas Erstaunliches sagen: TROTZ aller rechten Anti-Ökologie-Kulturkämpfe, TROTZ der perfiden Offensive des „fossilen Sektors”, der mit allen Mitteln versucht, das Geschäft mit Öl, Gas und Kohle auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern, TROTZ des bizarren Rund-um-die-Uhr-Grünen-Bashings, TROTZ der Aufweichung des Green Deals in der EU, geht es mit der ökologischen Wende ziemlich gut voran.

Wie bitte?
Ja, doch.
Selbst Institutionen wie die IEA, die Internationale Energie-Agentur, vermelden eine erstaunliche Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien. Die globalen Wachstumsraten von Solarenergie, Windenergie, Wasserenergie, verlaufen viel steiler als vermutet beziehungsweise befürchtet. Die Energie-Wende ist alive and kicking. Im positiven Sinne „beunruhigende” Details machen die Runde:

  • In den Wüstengürteln der Erde sind heute an die 1.000 gigantische Solarprojekte am Entstehen, mit Kapazitäten von mehreren Gigawatt und Flächen bis zu 60 Quadratkilometern. Viele von diesen Kraftwerken sind heute bereits Rund-Um-Die-Uhr-Solarkraftwerke, die mit Hochtemperatur-Dampf arbeiten. Und ungefähr die doppelte Anzahl ist in Planung.
  • In den meisten Industrienationen sinken seit Jahren die CO2-Ausstösse. Nicht immer in den genauen Erwartungen, aber dennoch in der richtigen Richtung. Und zwar erheblich. Gleichzeitig weisen die meisten Indikatoren der Energiewende inzwischen einen exponentiellen Charakter auf.
  • Notwendige Ergänzungs-Techniken zur erneuerbaren Energiegewinnung wie die Batterie- und Speichertechniken erleben derzeit rasante Innovations-Zyklen und gehen in die Skalierungs-Phase über.
  • Elektroautos sind, entgegen der klassischen deutschen Dauer-Medien-Vermutungen, keine „Ladenhüter”. Weltweit steigt ihr Absatz rapide, nur in Deutschland und (teilweise) den USA, gibt es darum einen blödsinnigen Kulturkampf, in dem sich alle nur dumpf auf die Nase hauen (und natürlich gibt es noch nicht genügend wirklich faszinierende Automodelle; Musk versaut gerade seine Erfolge).
  • In Deutschland steigt der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion jedes Jahr um rund 6 Prozent. Wir sind heute bei 60 Prozent angelangt; noch vor gut zehn Jahren hieß es auf jeder Energieversorger-Veranstaltung, dass eine Industrienation wie Deutschland höchstens 10 Prozent JEMALS hinbekommen würde. Das Ziel von 80 Prozent im Jahr 2030 ist plausibel erreichbar – selbst wenn der Strombedarf steigt.
  • Die Kosten für erneuerbare Energiesysteme sinken und sinken, die Effizienz steigt und steigt.
  • Große Teile der Industrien und Konzerne Europas haben sich heute längst zur Dekarbonisierung ihrer Energie- und Produktionsweisen bekannt – und arbeiten daran.
  • Zwei Drittel aller Neubauten in Deutschland werden mit Wärmepumpen betrieben, die angeblich keinen Absatzmarkt haben (in anderen Europäischen Ländern, gerade im Norden, sind es bis zu 80 Prozent im Gesamtbestand).
  • Der argumentative Grund dafür, dass Dekarbonisierung „hierzulande” keinen Sinn hat, muss oft das böse China herhalten, das bekanntlich unendliche Mengen Kohle verbrennt und sich einen Teufel um die Umwelt kümmert. Ein typisches Verleugnungs-Narrativ. China hat allein im letzten Jahr mehr Wind- und Sonnenenergie online gebracht wie ganz Europa und die USA zusammen. Dahinter steckt eine Strategie: Man muss in der Dekarbonisierung erst die Energiesysteme konsequent in Richtung Elektrizität umbauen (siehe Grafik), bevor die gesteigerte Produktion der Erneuerbaren sinnvoll wird. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo sich dieser Umbau auszahlt: CO2– Ausstoss Chinas wird in diesem oder den unmittelbar nächsten Jahren anfangen, zu sinken.
  • Sogar in Bayern, dem Land des verschärften Wurstwahlkampfes, stimmen die Bürger jetzt bisweilen für einen Windpark ab (das nur ironisch am Rande).

Wege aus der Omnikrise

Die zwei Wirklichkeiten

Wie kommt es zu dieser Eklatanz zwischen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten? Das liegt vor allem daran, dass wir in zwei komplett unterschiedlichen „Welten” leben. Zwei Welten, die wir miteinander verwechseln. Und die nach eigenen Logiken funktionieren.

  • Da ist einerseits die reale Welt, mit ihren unendlichen Verzweigungen, Rückkoppelungen, Komplexitäten, die niemals voll zu durchschauen oder vorauszusehen sind. Hier herrschen die Gesetze der Evolution, der Durchdringung der Dynamiken in einem ständigen Tanz des Wandels.
  • Da ist andererseits unsere mediale Welt, die wir in unserem Hirn aus „News” und „Informationen” konstruieren, die wir für Realitäten nehmen. In der medialen Wirklichkeit dominieren die Angst- und Befürchtungs-Diskurse, die Konstrukte der Gefahren, der Vorwürfe und Meinungen. Wobei „Meinungen” in der Erregungs-Gesellschaft eben nichts anderes sind als (oft moralisch aufgeladene) Affekte, die man sich gegenseitig an den Kopf wirft. Mit solchen Reflexen konstruiert man ein „identitäres” Weltbild, das schnell zu einer Art Käfig wird, aus dem man nicht mehr herauskommt.

Die mediale und die reale Welt unterscheiden sich generell voneinander – was man leicht erfahren kann, wenn man das Meinungs. und Informationsgetöse einmal abstellt und einfach mit offenen Augen in die Welt geht. Aber die Welten haben eine Schnittmenge. Diese Schnittmenge liegt dort, wo die Vorstellungen und Konstrukte zu Prophezeihungen werden. Prophezeihungen verändern unsere Handlungen im Sinne der Realitätsformung; sie werden selbsterfüllend. Die mediale Wirklichkeit kann durch Prophezeihungen auf die Realität übergreifen. Menschen verhalten sich dann so, als sei ein bestimmtes Konstrukt eine endgültige Wahrheit.

Der eigentliche Kern unserer „Omnikrise” ist das, was man „Kognitive Dekadenz” nennen könnte. Der Neurowissenschaftler Philipp Sterzer beschreibt dies seinem Buch „Die Illusion der Vernunft” als Phänomen der „Aberranten Salienz” – der fehlgeleiteten Aufmerksamkeit:

„Wir bemerken, das sich die Welt um uns herum verändert, dass das Licht anders wird als sonst und die Menschen seltsam aussehen… Alltägliche Dinge, von denen man nicht normalerweise Notiz nehmen würde, fühlen sich ungewohnt an und wirken auffällig. Das sind Wahrnehmungen, die Betroffene zu Beginn einer Psychose häufig beschreiben. Es liegt etwas in der Luft, irgendetwas scheint im Busch zu sein. … Aberrante Salienz ist bedrohlich (eine Variante der Kognitiven Dissonanz). Sie vermitteln ein überstarkes Bedrohungssystem. Die überstarken Vorhersagefehler, die der fehlgeleiteten Auffälligkeit zugrundeliegen signalisieren, dass das innere Modell der Welt nicht mehr stimmt. Das muss ja heissen, dass die Welt sich verändert hat, und was gibt es Bedrohlicheres als eine veränderte Welt, die nicht mehr vorhersagbar ist, so wie wir es gewohnt sind?”

Es ist also die verängstigte Innenwelt, die uns die Realität in ihrer Vielschichtigkeit ausblenden lässt. Das ist allerdings die Chance des Trotzes. Er kann sich hinter unseren Wahrnehmungs-Illusionen verstecken. Und von dort ganz zauberhafte Dinge bewirken.

Tipping Points

Das TROTZDEM ist jene Kraft, die die Welt verwandelt, auch wenn wir das nicht glauben. Es handelt sich um eine Art Selbstorganisation, eine Autopoiese, die aus Krisen Wandlungsprozesse formt. Der ziemlich grantige Investor und Publizist Nicholas Taleb hat diese Kraft einmal „Antifragilität” getauft. Antifragilität besteht darin, dass ein System aus seiner Auflösung heraus formende Energie erzeugen kann. Wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird.

Es war abzusehen, dass der ökologische Trend irgendwann einen Widerstand, einen Rollback erzeugen würde – in allen grossen Systemübergängen kommt es früher oder später zu einem Widerstand der alten Deutungsmuster, einem Reflex des Überkommenen. Aber man kann diesen reaktionären Aufstand, der zurück will in die Vergangenheit, auch als Zeichen dafür lesen, dass es nun tatsächlich ernst wird mit dem Wandel.
Der Rollback ist die Schleife, die die Zukunft dreht, bevor der Wandel Realität wird…

Es gibt in der Dynamik der Veränderung einen Grundeffekt: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Aber auch der Gegentrend – in diesem Fall der reaktionäre Anti-ökologische Trend – erzeugt wiederum einen Gegentrend. Die ökologische Transformation steht kurz vor dem Tipping Point, an dem das Vermutete (oder Befürchtete) ins Reale umkippt. Das ist in vielen Wandelungsprozessen so, im Privaten wie im Gesellschaftlichen: Erst kann man es nicht glauben, plötzlich sind fast alle dafür…

Man nennt das auch die normative Kraft des Faktischen.
Wenn in den nächsten Jahren zum ersten Mal die CO2-Ausstösse der menschlichen Zivilisation zu sinken beginnen – und das werden sie! – dann wird die Stimmung kippen. Die ökologische Transformation wird dann zum normativen Trend, zur Neuen Normalität.

Am besten versteht man diesen Kipp-Effekt mit Hilfe einer Regnose. Also einer mentalen Reise in eine Zukunft, in der sich nicht nur die Fakten, sondern MIT den Bedingungen auch die MINDSETS, die mentalen Bewertungen, verändern.

Auf dieser Tabelle können Sie vorwärts in die Zukunft und rückwärts in die Vergangenheit reisen. Wie werden sich die Fakten der Energiewende im Lauf der Zeit entwickeln, und sich damit auch die Wertungs-Muster? Reisen Sie vorwärts ins Jahr 2030, verweilen sie dort eine Weile, betrachten Sie die Zusammenhänge. Schauen Sie zurück, wie wir HEUTE über die Energiewende, die Dekarbonisierung denken. Reisen Sie in die Realität von 2015, und schauen sie nach, wie es „damals” aussah. Und wie alle diese Faktoren zusammenhängen.

Veränderung entsteht nicht durch Wandel. Wandel entsteht vielmehr aus Reaktionen auf Veränderungen, die die Bedingungen verschieben. Das ist der erweiterte TROTZ-Effekt in Aktion: Erst erscheint etwas unmöglich, dann wird es „ganz natürlich”….

Stellen wir uns vor, das TROTZDEM-Prinzip würde auch für alle anderen Krisen unserer Gegenwart gelten. OBWOHL die Demokratie gefährdet ist, regeneriert sie sich mittelfristig , indem sie sich IN der Krise neu erfindet (darauf weisen auch die Erfolge von Neo-Demokratischen Bewegungen hin). TROTZDEM wir heute schreckliche Kriege erleben, formt sich – langfristig und unter Qualen – eine neue Welt-Ordnung, eine andere Mtrix des Friedenserhalts und der Konfliktlösung (die neue Funktion des Haager Strafgerichtshofs deutet darauf hin). TROTZDEM – oder eben gerade weil – heute Bösartigkeit, Lüge und Verwirrung das gesellschaftliche Klima dominieren, entstehen langfristige Initiativen der Freundlichkeit und Konstruktivität – „Zukunfts-Bewegungen”, die sich spontan und selbstorgansiert herausbilden. OBWOHL oder vielleicht WEIL Europa unentwegt verdammt, kritisiert, verachtet, beschimpft, lächerlich gemacht wird, wird die Idee Europas stärker. Die Zahlen zeigen das: ein grö&shlig;erer Anteil der Europäer fühlt sich heute europäisch, auch WEIL Europa so bedroht erscheint. Allerdings spielen solche positiven Gegentrends bei der medialen Repräsentation der Ereignisse keine Rolle.

Die Welt regeneriert sich unentwegt in Krisen. Man nennt das auch Evolution. Oder Emergenz. Aus chaotischen Turbulenzen entwickeln sich die neuen Ordnungen, aus den Bedrohungen entstehen Wege der Re-Stabilisierung. Ich weiss, das ist schwer zu verkraften. Wir alle hätten es gerne perfekt, vernünftig, gradlinig hin zum Besseren. So, wie wir es uns vorstellen, es erwarten. Aber Enttäuschungen gehören zum Wandel dazu; genau genommen sind sie sogar seine Bedingungen. Zukunft ist eine Entscheidung. Sie ist auch ein Glaube des Trotzdem, den wir teilen können, in gemeinsamer Verantwortung für das Kommende.

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